Trauma entsteht nicht nur durch einzelne schockartige Ereignisse. Häufig entwickelt es sich schleichend: durch fehlende Bindungssicherheit, emotionale Vernachlässigung oder chronischen Stress in frühen Jahren. Entwicklungstrauma und Bindungstrauma prägen das Nervensystem in einer Zeit, in der wir besonders verletzlich sind – und sie wirken oft bis ins Erwachsenenleben hinein.
Jedoch entsteht Trauma auf viele Arten, es gibt eine ganze Reihe weiterer Formen, die oft übersehen werden – aber tief wirken können: Schocktraumata (z. B. nach Unfällen, medizinischen Eingriffen, plötzlichen Verlusten, Gewalterfahrung etc.); komplexe Traumata (durch wiederholte oder langfristige Belastungen – chronische Überforderungen, häusliche Gewalt, instabile Lebensumstände); sekundäre Traumata (wenn Menschen traumatische Inhalte miterleben oder damit beruflich konfrontiert sind); aber auch Mobbing, Stalking, Bindungsabbruch u.v.m.
Egal, wie unterschiedlich die Auslöser sind – im Kern bleibt es das Gleiche → ein Teil des Nervensystems bleibt im Ausnahmezustand.
Was wir Trauma nennen, ist nicht das Erlebte selbst, sondern die fortgesetzte Reaktion des Körpers: ein Nervensystem, das nicht zurückschalten kann. Manche Betroffene kämpfen mit Übererregung, Schlaflosigkeit und ständiger innerer Alarmbereitschaft. Andere erleben das Gegenteil – emotionale Taubheit, Rückzug, Erschöpfung. Beides sind Schutzmechanismen, die einst sinnvoll waren.
Die Polyvagaltheorie hilft zu verstehen, warum. Unser autonomes Nervensystem bewertet permanent Sicherheit oder Gefahr. Wird es überfordert, fällt es aus der Balance: Kampf, Flucht, Erstarren oder Ohnmacht übernehmen das Kommando. Genau hier setzt die Behandlung an – nicht im Drama der Erinnerung, sondern in der Regulation des Nervensystems.
Ein zentraler Schritt ist Stabilisierung: innere Spürfähigkeit stärken, Grenzen wahrnehmen, Ressourcen aufbauen. Erst wenn der Körper Sicherheit erlebt, können traumatische Erfahrungen behutsam verarbeitet werden. Methoden wie EMDR oder Traumahypnose unterstützen dabei, feststeckende Erinnerungen neu zu verknüpfen, sodass sie nicht länger den Alltag bestimmen.
Es geht dabei nicht um das Vergessen. Es bedeutet, endlich nicht mehr darin gefangen zu sein.
Wenn das Nervensystem ständig auf Hochtouren läuft, ist das ein Signal. Wer sich auf den Weg macht, gewinnt oft mehr zurück, als er erwartet: innere Ruhe, Zugang zu Gefühlen, Klarheit, Selbstwirksamkeit.
Es gibt Wege, wieder in die Kraft zu kommen – Schritt für Schritt, in dem eigenen Tempo, denn ein schneller Prozess ist hier nicht möglich.
Heilpraktikerin für Psychotherapie
Betina Jürgens
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